F.C. Hansa Rostock - Vor 50. Jahren fing alles an
Hansa anno 2004. Es ist das 50. Jahr, das der „große Fußball“ in Rostock rollt. Es ist das 50. Jahr des Ostseestadions. Am 14. November 1954 traf Empor Rostock im ersten Spiel der Vereinsgeschichte auf Chemie Karl-Marx-Stadt (Chemnitz).
Es ist ein Rückblick zu den Wurzeln des Vereins. Sie liegen im Erzgebirge.
Die Chronisten schreiben die Fußball-Saison 1954/55: Von 14 Mannschaften der DDR-Oberliga kommen sieben aus Sachsen, die nördlichsten Zipfel auf der Fußballkarte sind Babelsberg und Berlin.
Kurt Zapf, ein Spieler der ersten Stunde erinnert sich: „Zur gleichen Zeit spielte Empor Lauter als Spitzenreiter der Oberliga auf einem Asche-Platz in Schwarzenberg. 6.000 Einwohner. Eine schöne Ecke. Aber ohne Perspektive. Der Fußball war in dieser Zeit eine abwechslungsreiche Alternative.“
Empor Lauter war in diesen Tagen Spitzenreiter mit 8:6 Punkten. In Berlin dachten die SED-Funktionäre heimlich über die sofortige Verpflanzung von Fußballmannschaften nach. So kam es dann auch.
Das ist die Oberliga-Mannschaft des SC Empor Rostock. Obere Reihe (von links nach rechts): Zwahr, A. Bialas, Bartnicki, Weißpflog, Leep, Pöschel, Zapf; untere Reihe: Singer, Schaller, Lüppert, Spielberg, Leber, Schneider, Trainer Pfau
Kurt Zapf weiter: „Mitten in der Saison wurden die Spieler mit ihren Frauen in einen Nobel-Bus gesteckt. Wir reisten an die Küste, man zeigte uns die Kur-Bäder am Meer und versprach uns den Himmel auf Erden. Doppeltes Gehalt, schöne Wohnungen, Urlaubsplätze gratis. Die Frauen, wie meine Luise, waren schnell angetan. Ich auch.“
Innerhalb von nur drei Wochen, mitten in der Saison, verschwand Lauter von der Oberliga-Karte, Rostock war die neue Fußball-Adresse des Oberliga-Spitzenreiters! Zapf, Pöschel und Freunde fuhren bei Nacht und Nebel mit dem Zug davon.
Dann nahte auch schon der historische 14. November 1954.
Sonntag Mittag musste Empor Rostock gegen Chemie Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) ran. 18.000 erwartungsfrohe Zuschauer saßen im halbfertigen Ostseestadion - aber nur zehn Rostocker (und zwei schwächelnde Reservespieler) in der Kabine. Erst kurz vor Spielbeginn kam mit dem gebürtigen Stendaler Günter Bartnicki noch ein Kicker aus Warnemünde. Unter diesen Umständen war dann auch ein 0:0 schon ein Erfolg. Alle Achtung Empor Rostock.
Hier noch einmal die geschichtsträchtige Elf des ersten Spiels:
Rudi Leber, Kurt Zapf, Gerhard Schaller, Karl-Heinz Singer, Karl Pöschel, Rudolf Schneider, Arthur Bialas, Herbert Müller, Rolf Leeb, Günter Barticki, Herbert Zwahr.
Als Reservisten standen noch bereit: Ersatzkeeper Hermann Roth, Franz Bialas und Roland Weißpflug.
Für alle Interessierten möchten wir an dieser Stelle noch einmal den ersten Spielbericht einer in der höchsten Spielklasse spielenden Rostocker Mannschaft abdrucken:
18000 im Ostseestadion sahen zum ersten Male Empor Rostock
Empor Rostock erwarb sich Sympathien
Empor: Leber: Schaller, Zapf, Singer; Pöschel, Schneider; Leeb, Bialas, Bartnicki, Müller, Zwahr.
Chemie: Hake; Kaiser, Riedel, Schwierig; Jurek, Ahnert; Schulze, Speck, Hübner, Lorenz, Ritter.
Zuschauer: 18000. Schiedsrichter: Kastner, Dahlewitz. Reserven: ausgefallen
Ueber 18000 Zuschauer, unter ihnen zahlreiche Ehrengäste, säumten die Ränge des Rostocker Ostsee-Stadions, als beide Mannschaften unter starkem Beifall zum ersten Oberliga-Punktspiel in Rostock das Spielfeld betraten. Nach der Begrüßungsansprache durch den Oberbürgermeister der Stadt Rostock, Röther, gab der Unparteiische den Ball frei. Die Begegnung stand auf gutem Niveau und flaute während der 90 Spielminuten nicht ab. Im ersten, als auch im zweiten Spielabschnitt war das Treffen durchaus offen, wenn auch die Einheimischen die zwingenderen Torgelegenheiten hatten. Die Chemie-Abwehr hatte große Mühe, sich mit den ständig ihre Position wechselnden Empor-Stürmern zurechtzufinden. Nur Torhüter Hake im Gästetor wirkte sicher und gab der oftmals ausgespielten Abwehrreihe den nötigen Rückhalt. Auf der Gegenseite wurde der Chemie-Sturm, in dem besonders Ritter und Schulze gefallen konnten, von Empors konsequenter Deckung klar beherrscht.
Abwohl der Rostocker Sturm nicht in bester Besetzung antrat, war er doch weitaus gefährlicher als der Gästesturm. Besonders waren es Lepp, Bialas und Zwahr, die durch ihre spritzige Spielweise gefallen konnten. Aus der Abwehr ragten besonders Zapf, Schaller, Singer und Leber heraus.
Akzeptierten das neue Oberliga-Team: Zuschauer in Rostock, Mitte der fünfziger Jahre.
Wenn man eine Analyse über dieses Spiel gibt, dann kommt man zu der Schlußfolgerung, dass auf Grund der zahlreichen Torgelegenheiten ein klarer Sieg für die Rostocker hätte herausspringen müssen. Die Mannschaft fand sich sofort, war äußerst schnell und wendig, spielte überlegen und war auch in der Ballbeherrschung besser. Nur Mittelstürmer Bartnicki fiel etwas ab. Ihm fehlt noch die Umsichtigkeit. Außerdem muß er sich abgewöhnen, den Ball zu lange zu treiben. An dieser Stelle soll auch nicht vergessen werden, Schiedsrichter Kastner für seine unauffällige Spielleitung ein Lob auszusprechen. Mit den gestern gezeigten Leistungen hat sich Empor Rostock innerhalb weniger Spielminuten die Sympathie der Rostocker erworben. Es gab wohl keinen Zuschauer, der unbefriedigt am Spielschluß den Heimweg angetreten hat.
Zum Spielverlauf: Die erste Gelegenheit, um zum Führungstreffer zu kommen, bot sich den Rostockern bereits in der ersten Minute, als Bartnicki aus einem Gewühl heraus eine Kopfballflanke vor das Gästegehäuse schickte, doch Torwart Hake konnte in vorbildlicher Manier klären. Drei Minuten später war es der kleine, drahtige Linksaußen Zwahr, der ebenfalls einen Kopfball Hake in die Arme köpfte. Nach diesen zwei Torgelegenheiten schien in der elften Spielminute endlich das erste Tor fällig zu sein, als nach einer Kombination Zwahr, Müller, Bartnicki, Zwahr ein Bombenschuß des Linksaußen auf der Latte des Gästegehäuses entlangrollte. In der 70. Spielminute spielte sich der Halbrechte Bialas wunderbar frei und konnte alleinstehend ebenfalls seine Chance nicht verwandeln. Dann bot sich den Rostockern die größte Chance überhaupt. Torwart Hake war bereits geschlagen, als Zwahr durchbrach und freistehend auf das Tor donnerte. Doch auch dieser Ball strich wenige Zentimeter am Pfosten vorbei ins Aus.
Wenn auch kein Doppelpunkt erzielt wurde, so ist doch der Teilerfolg eine beachtliche Leistung für unsere mecklenburgischen Oberliga-Vertreter. Wir sind der Ansicht, dass Trainer Pfau aus seiner Mannschaft ein Kollektiv schmieden wird, das den Bezirk Rostock in Zukunft würdig vertreten und in der Oberliga ein ernstes Wort mitsprechen wird. Daß die Veranlagung in der Mannschaft vorhanden ist, hat sich zur Freude aller Zuschauer am gestrigen Spieltag bewiesen. In Gesprächen mit den Zuschauern konnte immer wieder festgestellt werden, dass sie von der Leistung der Mannschaft überrascht waren.
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